Kompensation psychologie beispiel

Winfried Berner , Die Umsetzungsberatung. Der Begriff "Individualpsychologie" legt die Vermutung nahe, diese tiefenpsychologische Schule befasse sich vor allem mit dem Individuum, also mit dem Menschen als Einzelperson. Nichts könnte falscher sein: Von allen tiefenpsychologischen Schulen ist die Individualpsychologie diejenige, die den Menschen am stärksten als soziales Wesen begreift und sein gesamtes Denken, Fühlen und Handeln aus seinen sozialen Bezügen zu verstehen sucht.

Aber warum nennt sie sich dann Individualpsychologie? Weil sie die Ganzheitlichkeit und Unteilbarkeit der Persönlichkeit betont — im Gegensatz etwa zur Psychoanalyse, die das menschliche Fühlen und Handeln als einen Kampf verschiedener "Instanzen" der Persönlichkeit erklärt. Aber so richtig selbsterklärend ist die Namensgebung trotzdem nicht.

Die starke Betonung der Unteilbarkeit der Persönlichkeit hat ihren historischen Grund darin, dass die Individualpsychologie in Abgrenzung zur Psychoanalyse entstand. Sigmund Freud — , der Ahnherr der Psychoanalyse, erklärte das Handeln des Menschen und seine oft widersprüchlichen Gefühle damit, dass innerhalb seiner Persönlichkeit unterschiedliche Instanzen im Widerstreit lägen: Da gebe es einerseits das impulsive "Es", die Instanz der Triebe, Wünsche und Impulsregungen, andererseits das gestrenge "Über-Ich", die Instanz der Werte, Normen und der Kontrolle.

Als vermittelnde Instanz dazwischen stehe das "Ich", das irgendwie einen akzeptablen Ausgleich von "Es" und "Über-Ich" hinbekommen müsse. Der Wiener Arzt Alfred Adler — , bis dahin ein engagiertes Mitglied von Freuds "Psychoanalytischer Vereinigung", stellte der Theorie des Meisters um eine robuste These entgegen. Der vermeintliche Kampf zwischen Es und Über-Ich sei nur Theater, eine dramatische Inszenierung, mit der die Menschen sich selbst und ihrer Umgebung Sand über ihre wahren Absichten in die Augen streuten.

Nach seiner Auffassung war der Mensch eine unteilbare Ganzheit ; den vermeintlichen Kampf der Persönlichkeitsinstanzen gebe es nicht; der wahre Willen eines Menschen komme allein in seinen Handlungen zum Ausdruck; alles Übrige sei letztlich ohne Bedeutung. Diese und einige andere Ketzereien brachten Adler letztlich den Hinauswurf aus Freuds Psychoanalytischer Vereinigung ein — und der Nachwelt die Bezeichnung Individualpsychologie für Alfred Adlers tiefenpsychologische Schule.

Abwehrmechanismen nach Freud einfach erklärt (Psychologie)

Diese historische Kontroverse ist wichtiger als sie scheinen mag, auch heute noch. Denn die wichtigste Aufgabe einer jeden Psychologie besteht ja darin, zu erklären, weshalb Menschen so handeln, wie sie handeln— und warum sie zuweilen auch seltsame, unverantwortliche und selbstschädigende Dinge tun.

Was sind zum Beispiel die Gründe, wenn ein Mensch gewalttätig ist? Die Psychoanalyse bietet hier zwei mögliche Erklärungsansätze an: Entweder ist bei diesem Menschen das "Über-Ich" nicht ausreichend entwickelt ist, sodass er die entsprechenden Normen nicht ausreichend verinnerlicht "internalisiert" hat. Oder sein "Ich" ist zu schwach, um die gewalttätigen Impulse aus dem "Es" zu kontrollieren.

Adler hingegen würde trocken konstatieren, der Grund für die Gewalttätgkeit sei, dass sich der Betreffende in der gegebenen Situation für die Anwendung von Gewalt entschieden habe. Und zwar deshalb, weil er sich davon am ehesten das Erreichen seiner Ziele verspricht.

Kompensation: Lexikon der Psychologie

Statt über psychische Instanzen zu spekulieren, konzentriert sich die Individualpsychologie auf die Frage, welche Ziele und Absichten die betreffende Person mit der Gewaltanwendung verfolgt. Mit ihrer Suche nach in der Lebensgeschichte liegenden Erklärungen tendiert die Psychoanalyse dazu, Fehlverhalten zu entschuldigen: Wenn "das Über-Ich nicht ausreichend entwickelt ist" oder "das Ich zu schwach für die Beherrschung der gewalttätigen Impulse" war, dann kann die handelnde Person ja nichts dafür: Sie ist unkontrollierbaren Kräfte zum Opfer gefallen und damit frei von eigenem Verschulden.

Die Individualpsychologie hingegen lässt die Verantwortung bei der handelnden Person: Nicht die Faust hat sich von alleine in Bewegung, sondern der Mensch am anderen Ende des Arms hat sich — und sei es in einem spontanen Wutausbruch — entschieden, sie dem Gegenüber ins Gesicht zu schlagen. Und dafür ist er auch verantwortlich. Das macht die Individualpsychologie wesentlich "handfester", aber auch unbequemer als andere psychologische Schulen.

Zugleich lässt sie dem Menschen aber seine Würde, weil sie ihn nicht als Spielball unkontrollierbarer Triebe und Affekte darstellt, sondern als verantwortlich entscheidendes und handelndes Wesen. Welche der beiden Sichtweisen richtig er ist, ist wissenschaftlich nicht entscheidbar. Es gibt keine Versuchsanordnung, mit dem man herausfinden könnte, ob unsere Persönlichkeit tatsächlich aus unterschiedlichen Instanzen besteht.

Es ist sogar ziemlich schwierig anzugeben, was diese Aussage überhaupt bedeutet. Ebensowenig lässt sich empirisch klären, ob und in welchem Umfang wir tatsächlich verantwortliche Gestalter unseres Handelns sind. Zwar hat die Gehirnforschung herausgefunden, dass an der Handlungssteuerung tatsächlich unterschiedliche Gehirnregionen beteiligt sind — und manche möchten darin gern eine Bestätigung von Freuds Instanzenmodell sehen.

Doch in Wahrheit zeigt es nur, dass an dieser Aktivität — wie an den meisten anderen auch — mehrere Hirnregionen beteiligt sind, die — wiederum in Adlerianischer Sicht — zu einer ganzheitlichen Entscheidung zusammengeführt und in ein "unteilbares" Handeln umgesetzt werden. Aus der Anzahl der beteiligten Gehirnregionen lässt sich nicht viel ableiten.

So sind am Musikerleben nach neuester Forschung sogar sechs Gehirnregionen beteiligt; trotzdem käme niemand auf die Idee, hier ein wildes Ringen sechs widerstreitender psychischer Instanzen hineinzuinterpretieren. Doch auch Adlers Postulat des verantwortlichen Entscheidens lässt sich nicht empirisch belegen, denn "Verantwortlichkeit" ist keine empirische Kategorie, sondern eine philosophisch-ethische.

Sowohl die Psychoanalyse als auch die Individualpsychologie sind keine empirischen Fakten, sondern Denkmodelle, hinter denen letztlich unterschiedliche Welt- und Menschenbilder stehen.