Replikationskrise psychologie
Der amerikanische Mathematiker Aubrey Clayton ist überzeugt, die Wissenschaft stecke in einer Replikationskrise. Experimente lassen sich in den Naturwissenschaften zunehmend oft nicht wiederholen. Woran liegt das? G ibt es eine Replikationskrise in der Wissenschaft? Seit habe es jedenfalls in der Psychologie geradezu eine Welle von systematischen Replikationsstudien gegeben, aber auch ähnliche Studien aus der Krebsforschung zeigten, dass wir es hier nicht nur mit einem Problem der Sozialwissenschaften zu tun hätten, so Spamann.
Aber bedeuten Replikationsprobleme wirklich schon eine veritable Krise? Natürlich war es im Frühjahr nur eine Frage von Wochen, bis weltweit Forscherteams fieberhaft versuchten, das sensationelle Experiment von Fleischmann und Pons zum Nachweis der kalten Fusion nicht nur zu wiederholen, sondern zum gleichen positiven Ergebnis zu kommen. Bekanntlich war all diesen Replikationsversuchen kein Erfolg beschieden.
Die Beispiele, die Clayton zur Illustration seiner Krisendiagnose heranzieht, entstammen anderen Niederungen wissenschaftlicher Kreativität. Im Vergleich etwa zur Arzneimittelentwicklung mit ihren strikten Regularien zur Replizierbarkeit klinischer Forschung mangelt es in den Sozialwissenschaften schlicht an den institutionellen Anreizen, die Befunde der lieben Kollegen unter die Lupe zu nehmen.
Es sei denn, man ist einem spektakulären Plagiatsfall auf der Spur. Doch generell stünden replizierende Kollegen rasch im Verdacht, mangels eigener Ideen nur an den Funden der anderen herummäkeln zu können, so Spamann aus eigener Erfahrung. Reputationsgewinne lassen sich so jedenfalls nicht einstreichen. Die Wissenschaft prämiert das Neue, nicht das Bestätigen von Altem.
Experimente wie die von Norenzayan zu replizieren erscheint eigentlich noch sinnloser, als sie überhaupt zu veranstalten. Vermutlich werden jährlich weltweit Abertausende von wissenschaftlichen Studien publiziert, die in diese Rubrik fallen. Man wird also keinesfalls von einer Krise der Wissenschaft sprechen können, was auch Spamann am Wissenschaftskolleg betonte.
Oder wie es Shapin ausdrückt: Die Suche nach reproduzierbaren wissenschaftlichen Fakten und Naturgesetzen mag für Fächer wie Kernphysik, Astronomie oder Hirnforschung sozusagen der Goldstandard der Forschung sein.
Psychologie: Wege aus der Replikationskrise: Spektrum der Wissenschaft
Aber nicht für Seismologie, Politikwissenschaft oder gar die Forschung auf dem Gebiet der Softdrinkherstellung. Man müsste erst einmal fragen, was von wissenschaftlichen Disziplinen im Einzelnen erwartet wird — und was nicht. Materialforschung, die darüber entscheidet, wie Talsperren oder Atomkraftwerke gebaut werden müssen, hat anders zu arbeiten als Forschung, die sich mit dem Anstarren von Skulpturen beschäftigt.
Clayton sieht wie Spamann einen Grund in der Verwendung des heute vorherrschenden Standardansatzes zur Beurteilung wissenschaftlicher Hypothesen: die sogenannte Signifikanzprüfung. Strengere statistische Verfahren könnten hier Abhilfe schaffen. Natürlich ist die Replikationskrise auch eine Wachstumskrise. Und sollten Publikationen nicht zunächst durch kritische Peer-Review-Verfahren gegangen sein?
Würden Gutachter ihre Arbeit machen, also deutlich höhere Ablehnungsquoten durchsetzen, dann verlöre auch das Problem der Replikation an Relevanz. Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben. Unser Gehirn ist faul — und neigt zu radikaler Vereinfachung.
Die Replikationskrise als Chance für Open Science
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