Die psychologie der ernährung

Statistik Die Versuche, Patienten zu einer gesunden Ernährung zu motivieren, verlaufen oft frustran, weil bei der Beratung das komplexe Regelwerk, welches das Essverhalten steuert, nicht genug berücksichtigt wird. Zwar antworten auf Befragen bis zu 80 Prozent der Bevölkerung, auf Gesundheit, eine gesunde Ernährung und körperliche Fitness zu achten, die Realität aber entlarvt solche Befragungsergebnisse als krasse Fehleinschätzungen des eigenen Verhaltens.

Das Essverhalten wird dabei aber keineswegs primär vom Hunger bestimmt, wie beim 3. Aid-Forum Auswertungs- und Informationsdienst für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten e. Es handelt sich vielmehr um ein komplexes Geschehen, das von sozialen, aber auch von psychischen Faktoren gesteuert wird. Erziehung, Gewohnheiten und Traditionen spielen eine Rolle, aber auch das eigene psychische Befinden.

Paul Breloh Bundesgesundheitsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten zumindest einen der Teilaspekte auf den Punkt. Eines der bedeutsamsten Gesundheitprobleme dürfte dabei das Übergewicht sein.

Die Psychologie der Ernährung

So bringen den statistischen Erhebungen zufolge 20 bis 50 Prozent der Deutschen zu viele Kilos auf die Waage, nahezu jeder Sechste ist adipös. Susanne Klaus vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam-Rehbrücke. Viel wird nach ihren Worten geforscht, um die Ursachen der Überernährung zu ergründen. Dabei suchen die Ernährungswissenschaftler nach kurzfristigen und auch nach langfristigen Signalen, die Gefühle wie Hunger, Appetit und Sättigung steuern.

Vielfältige Faktoren werden in diesem Regelkreis wirksam von Phänomenen wie dem Grad der Magendehnung über Hormone, die vom Gastrointestinaltrakt gebildet werden, wie Insulin und Glucagon bis hin zu Botenstoffen wie dem Leptin, einem offensichtlich adipostatischen Signal, das vom Fettgewebe sezerniert wird und die Nahrungsaufnahme drosselt.

Die Ursachen der Leptinresistenz könnten durchaus genetisch determiniert sein. So nimmt man unter anderem an, dass bei Adipösen der Leptintransport über endotheliale Zellen der Blut-Hirn-Schranke herabgesetzt ist, sodass ein Andocken an die neuronalen Leptinrezeptoren nicht erfolgen kann. Zwar ist noch nicht endgültig geklärt, dass eine Störung in diesem Transport zu Übergewicht führt, doch weist nach Meinung der Wissenschaftlerin die Tatsache darauf hin, dass bei Übergewichtigen im Vergleich zu den Plasmaspiegeln nur niedrige Leptinspiegel in der Zerebrospinalflüssigkeit zu finden sind.

Als weiterer möglicher Grund für eine Leptinresistenz wird zudem die Beeinträchtigung der Übermittlung von Leptin-Rezeptor-Signalen durch bestimmte Suppressorsubstanzen diskutiert. Doch nicht nur Leptin steuert die Nahrungsaufnahme, auch weitere Neurohormone wie das Neuropeptid Y sowie Melanocortine sind in diesem Bereich aktiv, und auch auf der Ebene ihrer Regulation könnten genetische Defekte die Energiehomöostase und die Regulation des Körpergewichtes beeinflussen.

Viel bedeutsamer scheinen erworbene Regelmechanismen zu sein, und diese bauen sich nach Prof. Joachim Westenhöfer Fachbereich Ökotrophologie der Fachhochschule Hamburg schon von den ersten Lebenstagen an auf.

Die Psychologie der Ernährung: SWR2

Die Grundsteine des Ernährungsverhaltens liegen damit in der frühesten Kindheit, und sie werden durch eine zutiefst menschliche Fähigkeit, nämlich die Fähigkeit zu lernen, beeinflusst. Drei Prozesse spielen nach Westenhöfer dabei eine zentrale Rolle: - Dadurch, dass Menschen immer wieder etwas essen oder ausprobieren, gewöhnen sie sich langsam an einen Geschmack und lernen, ihn zu lieben.

Eng sind nach Westenhöfer die Beziehungen zwischen dem Essverhalten und dem psychischen Befinden. Derartige emotionale Ausdrucksformen gehören zu einem normalen Essverhalten dazu, problematisch aber werden sie, wenn Menschen in Bezug auf einzelne dieser Funktionen nicht mehr über Handlungsalternativen zum Essen verfügen. Dann nämlich ist eine übersteigerte Nahrungsaufnahme zum Beispiel, um sich zu trösten programmiert, und dem Übergewicht wird der Weg geebnet.

Besonders komplex sind die Zusammenhänge zwischen Stress und Essverhalten, zu den physiologischen Reaktionen auf Stress gehört eine Drosselung aller mit der Verdauung und der Nahrungsaufnahme in Zusammenhang stehenden Prozesse und damit auch eine ausgeprägte Minderung des Appetits, ein Phänomen, das im Volksmund gut bekannt ist etwas schlägt auf den Magen.

Aufgrund von Lernprozessen reagieren nicht wenige Erwachsene heutzutage aber genau umgekehrt, in Stresssituationen wird vermehrt Appetit gespürt und auch vermehrt gegessen, ebenfalls ein Phänomen, das auf Dauer Übergewicht provoziert. Infolge eines solchen Kontrollverlustes kommt es in Belastungssituationen dann im Vergleich zu der sonst praktizierten Einschränkung der Nahrungsaufnahme zu einer kompensatorisch erhöhten Nahrungszufuhr.

Dann nämlich werden zentrale Geschmacksvorlieben gebahnt, das Kost- und Ernährungsverhalten, der spätere Konsum- und Lebensstil wird geprägt. Von zentraler Bedeutung in dieser Zeit ist nach Dr. Auf die natürlichen Instinkte der Kinder vertrauen Von ausschlaggebender Bedeutung aber ist nach Schmidt ein weiterer Punkt: Es muss angestrebt werden, die natürliche Wahrnehmung von Hunger und Sättigung zu erhalten und zu stärken.

Statt der üblichen Aufforderung an die Kinder, mehr zu essen oder gar den Teller leer zu essen, sollte man im Alltag bei der Erziehung mehr auf die natürlichen Instinkte und die physiologische Regulation vertrauen und Kinder nicht zur Nahrungsaufnahme motivieren. Wenngleich diese neuen Forschungsaspekte bislang nur bedingt Hilfen für die Therapie adipöser Erwachsener in der Praxis liefern, bieten sie doch ein erhebliches Potenzial in Bezug auf die Ernährungsberatung betroffener Familien.

Dabei aber handelt es sich um einen höchst relevanten Aspekt: Immerhin ist derzeitigen Erhebungen in Deutschland zufolge rund jedes sechste Kind zum Zeitpunkt der Einschulung eindeutig übergewichtig. Rita Böing aus Korschenbroich den Publikumspreis der Aeskulap-malt-Ausstellung gewonnen, die im Mai anlässlich des Deutschen Ärztekongresses in Berlin zu sehen war.